Braunschweiger Zeitung, 07.10.2006
Nibelungen-Realschule sieht sich nicht als Problemschule – Ihr einziges Problem: Viele wissen das noch nicht
SIEGFRIEDVIERTEL. Zur Realschule Siegfriedviertel gehen? Lieber nicht, denken viele, denn dort gibt’s bestimmt soziale Spannungen, Probleme. "Das ist falsch", sagt Schulleiter Bernd Kammann.
"Das sind ganz alte Vorurteile, noch aus den 60er Jahren. Wir sind eine tolle Schule, werden nur nicht wahrgenommen." Wir stehen auf dem Schulhof. Die 13-jährige Anina fährt gerade "betrunken" Auto – mit 1,6 Promille. Es kracht, das war klar. Ein Unfall mitten auf dem Schulgelände, was ist da los? Die einfache Erklärung: Die "Nibelungen" feiern ihr Schulfest. Wir vergewissern uns: Anina ist natürlich nüchtern. Sie schaut nur durch eine Rauschbrille, und durch die sieht man die Welt mit "betrunkenen Augen". Die Brillengläser verzerren das Wahrgenommene. Alle wollen die präparierte Taucherbrille mal ausprobieren. Die Kinder nennen sie Torkelbrille, weil sie zeigt, wie man sich fühlt und vor allem, wie man sieht, wenn man wirklich betrunken ist. Der Torkelparcours – ein Drogen-Präventionsgrojekt der Schule.
Aber auch die eher unscheinbare Schule mit ihrem schlichten Schulhof erscheint beim Schulfest in anderem Licht: "Angeblich sollen wir eine Schule mit sozialen Spannungen sein, aber das stimmt nicht. Wir sind klein und gemütlich", berichtet die Lehrerin Sonja Wolf. 27 Lehrer kümmern sich um rund 400 Schüler und ihre Projekte. Auf die Aktionen sind Lehrer wie Schüler stolz: In der Nachmittagssonne glänzt ein riesiger Solarschirm, der als Kocher Wasser zum Sieden bringt. "Und auf dem Dach haben wir eine Solarstation", sagt der Schulleiter.
Die Liste ist lang: Die Schule ist seit sieben Jahren Umweltschule. Im Wahlkurs Gartenbau verschönern die Klassen den Schulhof. Sie lernen dabei, ihre Umwelt anders wahrzunehmen. Es gibt eine gut ausgestattete Fahrradwerkstatt. Und bald soll es einen Computer-Reparaturservice geben. Die Schule hat zwei Notebook-Klassen, in denen jedes Kind seinen eigenen Computer hat. Er soll individuelleres Lernen ermöglichen und helfen, selbstverständlicher mit Technik umzugehen. "Wir wollen die Kommunikationsfähigkeit fördern. Dafür reichen Computer allein nicht aus", sagt Kammann: Kinder hätten heute ein generelles Defizit. "Sie sind nicht dümmer als früher." Ihnen fehle etwas anderes: "Die meisten werden leider mit ihren Gefühlen allein gelassen."
Darum sei es wichtig, sich immer weiter zu unterhalten. Und hier liegt eines der wenigen Probleme der Schule: Seit einem halben Jahr gibt es keinen Pausenverkauf und keine Caféteria mehr. Das soll sich aber bald schon ändern.








